Donnerstag, 27. September 2012

Die Nerd-Schule

In der Østerskov Efterskole im dänischen Himmerland lernen die Kinder durch Rollenspiele


Verstörte Blicke der Mitschüler, weil man es vorzieht, mit Wolldecke und Sonnenbrille bekleidet durch die Schulflure zu ziehen und auf Englisch wilde Verwünschungen auszurufen? Auf der Østerskov Efterskole, einem Internat für Neunt- und Zehntklässler kann einem das nicht passieren. Schließlich laufen hier viele Schüler den ganzen Tag in Mönchskutte herum, nennen sich Luzifer oder finden neue Freunde, gerade weil sie neben Metall auch Kirchenmusik hören.

Gerlernt wird nicht durch Frontalunterricht, sondern durch Rollenspiele. Im Sportunterricht müssen die Schüler als englische Agenten im Zweiten Weltkrieg Hindernisse überspringen und in Deutsch eine RAF-Terroristin davon überzeugen, keine Gewalt anzuwenden. Jede Rolle, die die Schüler übernehmen, hat ein Ziel. So müssen sie einen Planeten finden, auf dem sie leben können oder ein Mysterium erkunden. Die Rollenspiele werden im Vorfeld durch die Auswertung von Informationsmaterial vorbereitet. Nur so ist es ihnen dann möglich, in ihrer Rolle als Zeitagenten, den vergesslichen Archimedis an sein Auftriebsprinzip zu erinnern. Verkleidung und Requisiten helfen den Schülern, in jedem Unterrichtsfach in eine andere Welt einzutauchen. Frontalunterricht sucht man hier vergebens.
Der Schul-Senat tagt, Foto: http://wissen.dradio.de
Die Schulform der "Efterskole" gibt es in Dänemark schon seit dem 19. Jahrhundert. Höchstens 100 Plätze bietet solch eine Einrichtung an, ihr Besuch ist freiwillig. Doch gerade im vergangenen Jahr verzeichneten die 250 Internate mehr Anmeldungen als jemals zuvor. Dazu mag auch beitragen, dass der Staat die Efterskoles bezuschusst und die Eltern, abhängig von ihrem Einkommen, nur einen geringen Beitrag zahlen müssen.

Ursprünglich aus der Volkshochschulbewegung hervorgegangen, sollten die Efterskoles die Schulbildung der Landbevölkerung, jedoch auch von "Problemkindern" der Städte sicherstellen. Heute werden mit den unterschiedlichen Ausrichtungen wie Freiluftsport, Umweltkunde, Musik, Segeln, Fischerei, Landwirtschaft, Sprachen, Schach, Film, Computer oder eben Rollenspiel Schüler aller Gesellschaftsschichten im Problem-orientierten Lernen ausgebildet. Eine Efterskole, was auf Deutsch soviel wie "Nachschule" heißt, bietet einen Schulabschluss an, der äquivalent zum dänischen Realschulabschluss ist. 

Mittwoch, 26. September 2012

Gene im Essen - Na und?


Französische Forscherinnen und Forscher haben unter der Federführung der Genetikerin Agnès Ricroch (Université de Paris-Sud-Orsay) zu Beginn dieses Jahres 24 Langzeit- und Mehrgenerationen-Fütterungsversuche mit gentechnisch veränderten Pflanzen ausgewertet und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass genmanipulierte Lebensmittel keine negativen Auswirkungen auf unsere Gesundheit haben. Fast gleichzeitig erschien eine andere Langzeitsstudie, die behauptet, dass Versuchstiere früher sterben und öfter an Krebs erkranken, wenn sie mit genmanipuliertem Mais gefüttert werden.
Wem soll man jetzt also Glauben schenken? 
 Auf der homepage des Ministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz gibt es keine Informationen darüber, wie Gene über Nahrungsmittel in unseren Körper gelangen. Man muss also schon etwas hartnäckiger suchen und sich mit kryptischen Fachuntersuchungen auseinandersetzen, möchte man den aktuellen Streit der Wissenschaftler auch nur ansatzweise beurteilen können.

Die DNA ist der Grundbaustein unserer Gene. Spricht man von der Summe unserer Gene, dann fallen auch oft die Begriffe Genom oder Zellgenom. Je nach Nahrungszusammensetzung nehmen wir schätzungsweise etwa 1 g DNA am Tag mit der Nahrung. Bisher ist noch nicht hinreichend erforscht worden, ob und wieviel oral aufgenommene DNA über unser Verdauungssystem in den Körper gelangt oder auf natürlichem Wege ausgeschieden wird. Allein deswegen sind die oben genannten Studien mit Vorsicht zu genießen. Hinzu kommt, dass man die Tests an Ratten, Mäusen, Milchkühen, Lachsen und Affen, jedoch nicht am Menschen durchführt. Es gibt aber Forscher, die schon jetzt vermuten, dass gerade die Integration fremder Gene in unseren Körper für Evolutionsschübe oder sogar die Herausbildung neuer Arten verantwortlich sind.

Auch wenn es noch keine sichere Antwort darauf gibt, ob Genmais unser Erbgut verändert, so steht schon seit mehr als 30 Jahren fest, dass es sich beim Blinddarm der Versuchstiere um den Abschnitt des Dickdarms handelt, in dem die mit der Nahrung aufgenommene DNA am längsten verweilt. Gelingt es der fremden DNA, den enzymatisch hoch aktiven Dünndarm zu passieren, so können sie über den Blinddarm in die Leber gelangen. Und dort gibt es den direkten Zugang zu den Blutgefäßen. Bewiesen ist, dass auch menschliche Lymphocyten, um endlich mal die Mäuse in Ruhe zu lassen, fremde DNA binden und damit über die Blutbahn zu allen inneren Organen und damit zu unserem Zellgenom transportieren können.





Was haltet Ihr von genmanipulierten Nahrungsmitteln?

Welchen Studien kann man Eurer Meinung nach trauen?
Kommentiert gleich hier oder schreibt uns unter
fummelmond@gmail.com 



Donnerstag, 20. September 2012

Harry (14 Jahre)



Foto: www.f-tor.de
Was ist nur mit Harry los? Er ist nicht der klassische Außenseiter. Er ist keiner von den Coolen aber auch kein typischer Loser. Harry ist gutaussehend, intelligent und schlagfertig.
Und trotzdem hat er Probleme, gravierende Probleme. Harry kommt immer zu spät zum Unterricht, oft geht er nach einer Stunde wieder – wenn er überhaupt erscheint. Er beleidigt Lehrer und er ist faul. Wenn er mal da ist, dann sitzt er nur gelangweilt rum, wirkt abwesend oder schläft fast ein. Harry wird von seinen Klassenkameraden toleriert, vielleicht sogar bewundert, und trotzdem hat er dort keine Freunde. Es ist nicht so, dass niemand mit ihm zusammen sein möchte, aber Harry läßt die anderen einfach nicht an sich heran.
Für Kinder wie Harry gibt es Zukunftskonferenzen. Dort sagt man ihm, dass er von der Schule fliegen wird, wenn er sein Verhalten nicht ändert. Ihm ist das anscheinend egal. Noch nie habe ich Harry aufgeregt oder besorgt erlebt.
Immer wenn ich ihn treffe, dann ist er über die Kopfhörer tief in seine Musik versunken. Rockmusik – eine absolute Ausnahme in dieser eintönigen Ghetto-Hip-Hop-Schule. Harry ist ein fanatischer Musikliebhaber. Nicht so wie diese Pseudo-Musik-Fans. Harry lebt die bedingungslose Leidenschaft für seine Lieblingsmusik.
Eines der Mädchen in der Klasse ist in Harry verliebt. Man merkt es daran, wie sie versucht, ihn zur Mitarbeit in ihrer Gruppe zu bewegen. Sie schaut ihn die ganze Zeit an und wenn sie mit ihm redet, dann ist es fast so, als würde sie flüstern. Es ist schwer zu sagen, ob Harry die Gefühlsregungen seiner  Mitschülerin bemerkt, ob er überhaupt jemanden von uns bemerkt.
Gestern hat Harry mich gefragt, ob ich mit ihm auf ein Rockkonzert gehen will. Ich habe selbstverständlich nein gesagt.

Dienstag, 18. September 2012

Der neue Post auf Schreibmahlzeit!

Schreiborte - Die Deutsche Bahn

Buchrezension: Jorge Amado – Herren des Strandes



Diesen Artikel können Sie/könnt Ihr auch auf Spanisch lesen:

Die flüchtigen Begegnungen während der letzten großen Urlaubsreise liegen schon lange zurück. Die abgerissenen Hosen, die unschuldigen Blicke und die schmutzigen Gesichter waren dort allgegenwärtig. Doch die Erinnerung an die Begegnungen mit ihnen verblassten im Alltag. Sorge und Glück halfen, sie zu vergessen. Doch sind sie wirklich aus unserer Welt verschwunden? In Denpasar, La Paz oder Mombasa konnte man ihnen nicht entkommen. Ist es uns in unserer Heimat, wo es keine von ihnen gibt, gelungen?
Jorge Amado ist einer der großen brasilianischen Erzähler. In sechs Romanen hat er das Leben in Bahia, seiner Heimat, präzise und schonungslos, jedoch auch poetisch und liebevoll beschrieben. So auch in seinem 1974er Werk  „Herren des Strandes“. Die Helden des Buches leben in einer verlassenen Halle fern ab der belebten Straßen von Salvador de Bahia. Sie sind Diebe, Vergewaltiger, Mörder, Betrüger und vor allem unschuldige Kinder, die von ihren Eltern, dem Staat - von uns allen - in Stich gelassen wurden. Amado beschreibt ihr Leben in einer losen Aneinanderreihung komischer, tragischer und spannender Kurzgeschichten. Die 14 bis 16jährigen um ihren Anführer Pedro Bala leben in absoluter Freiheit und sind doch gleichzeitig Gefangene der absoluten Zwanglosigkeit. Die Gruppe schläft, klaut, lacht und spielt zusammen. Als Herren des Strandes sind sie der Schrecken der Stadt, ein Haufen Halbwüchsiger, die niemand findet und die doch überall zugegen sind. Niemand kennt Bahia besser als diese Kinder, die niemals eine Kindheit hatten.
Jorge Amado beschreibt die Menschen einer brasilianische Stadt, deren Lebensfreude, Tragödien und sommerliche Wärme aus den 284 Seiten hervorzuquellen scheinen. Jede der Kurzgeschichten ist in sich abgeschlossen. Darum eignet sich das Buch perfekt für die Leser, die nur selten mit Pedro Bala, Hinkebein oder Jao Grande durch die Straßen streunen können. Liest man es jedoch in einem durch, dann wird man schnell die Straßenkinder aus seinem eigenen Urlaub wiedererkennen. Sie sind nicht wirklich hinter dem Stacheldraht des Flughafengeländes zurückgeblieben. Sie ziehen auch jetzt laut lachend durch die Straßen und versuchen in unserer Welt zu überleben.

Sonntag, 16. September 2012

Von La Paz bis zum Salar de Uyuni

Säulenkakteen am Salzsee (Foto: J.N.Popratnjak)
BESUCHEN SIE LA PAZ, DEN HÖCHSTGELEGENEN REGIERUNGSSITZ DER WELT und reisen Sie mit uns zum SALAR DE UYUNI, dem größten Salzsee unserer Erde! Bolivien, ein Land der Superlativen, wartet auf Sie!
Blick auf La Paz, im Hintergrund der Illimani (Foto: reiseberichte-urlaubsberichte.de)

Erkunden Sie mit uns beeindruckende Kirchen, wie z.B. die Kirche San Francisco, welche im 18. Jhd. durch einen Schneesturm (!) zerstört wurde und werden sie gleichzeitig Zeuge jahrtausend alter indianischer Heilkünste. Schlendern Sie über den magischen Hexenmarkt und den bunten Mercado de Artesania, lernen Sie alles über die Geschichte und die Anwendung von Coca. Dies alles unter der steten Anwesenheit des lllimani, dem Wächter der Stadt ( 6439 m ).

Mit dem Geländewagen den Salzsee erkunden (Foto: J.N.Popratnjak)
Und dann geht es weiter zum Salar de Uyuni, wo sich Ihnen eine unwirkliche Welt aus Salz erschließen wird.  Besuchen Sie mit uns eine Insel, auf der über 20 Meter hohe Säulenkakteen stehen, die teilweise mehr als 1200 Jahre alt sind. Auf Wunsch werden Sie sogar in einem Hotel aus Salz untergebracht.
Anfragen bitte per mail an: michael.nitschke1@yahoo.de



Donnerstag, 13. September 2012

Der neue Post auf Schreibmahlzeit:



Was starrst Du mich so an?

Die Achse des Bösen im Hinterhof

Über die US-Militärpräsenz in Lateinamerika


 
Die USA dringen darauf, die Kanalzone (Oh, wie schön ist Panama!) zu kontrollieren, angeblich, um Drogenhändler, Terroristen und Waffenhändler zu bekämpfen. Es ist jedoch ein Leitmotiv des Pantagons, den interozeanischen Korridor zu kontrollieren. Unter dem Codename Panamax führte die USA auch in diesem Jahr zusammen mit seinen 16 Partnerländern in dieser Region Militärmanöver durch. Die erstmals im Jahr 2003 veranstalteten Manöver, dienen als Training für die Abwehr einer möglichen Bedrohung durch nicht-staatliche bewaffneter Gruppen (Non-State Armed Groups (NSAGs)) und natürlich auch, um sich auf mögliche Naturkatastrophen besser gemeinsam vorzubereiten. Daraus folgt: Die USA wollen eine multinationale Eingreiftruppe schaffen.
Hinzu kommt das US-Engagement in Mexiko, dass seit mehreren Jahren einen regelrechten Krieg gegen die Drogenkartelle führt. Während der Amtszeit von Präsident Felipe Calderon (2006-2012) sind mehr als 30 000 Menschen in den Kämpfen umgekommen. Die US-Regierung hat diese Gruppen zu terroristischen Vereinigungen deklariert und vefolgt eine gemeinschaftliche Strategie mit der mexikanischen Regierung, um den Krieg gegen den Terror auch in diesem beinahe Failed state kurz hinter Texas zu tragen. In Kolumbien unterhalten die USA verschiedene Militärbasen, zum Beispiel in der Bucht von Málaga. Die US-Marines sind dort stationiert, um indianische Eigenheiten und Kultur zu studieren.
Allerdings sind die USA in letzter Zeit auch gezwungen, in ihrem Hinterhof etwas kürzer zu treten. Es geht um Einsparungen in Höhe von 100 Milliarden US-Dollar innerhalb von fünf Jahren (Im Jahr 2010 belief sich das US-Militärbudget auf 700 Millarden Dollar, das sind 43 Prozent der weltweiten Militärausgaben).
Und Washington steht auch vor dem Problem, dass Länder wie Argentinien, Bolivien, Brasilien, Ecuador, Paraguay, Venezuela und Nicaragua Wege und Ziele verfolgen, die zuweilen im krassen Gegensatz zu den US-Absichten stehen. Ein erstes sichtbares Zeichen für diese Entwicklung war der gescheiterte Versuch, alle lateinamerikanischen Staaten in der von Präsident Clinton erdachten OAS (Organisation Amerikanischer Staaten) zu vereinen - ein Fehlschlag, zu dem sicherlich auch das diplomatische Geschick des G. W. Bush beigetragen hat.

Man will in Lateinamerika in Zukunft ohne die USA auskommen. Und das nicht nur im militärischen Bereich.

Es gibt sogar einen Failed-Sate Index:
http://humanosphere.kplu.org/2012/06/foreign-policys-failed-states-index-2012/
Dort hat Mexiko für dieses Jahr schon mal den Status "In Danger" bekommen. Brasilien erhielt "Borderline":

Hier noch ein Link zu einer Karte mit den amerikanischen Militärbasen in Lateinamerika:
http://de.wikipedia.org/wiki/Milit%C3%A4rst%C3%BCtzpunkte_der_Vereinigten_Staaten_in_Lateinamerika_und_in_der_Karibik

Die US-amerikanischen Streitkräfte unterzeichneten 2011 insgesamt 126 Verträge über circa zwölf Millionen Dollar, um Militärbasen in Kolumbien aufzubauen:
http://amerika21.de/nachrichten/2011/02/23899/usa-bauen-militaerbasen-aus


Dienstag, 11. September 2012

Gießen Bahnhof



Leere und Streß, Massenauflauf und Einsamkeit. Eine Einöde mit/in Zügen. Total beklemmend, hier zu verweilen, während Menschen von einem Zug zum nächsten hetzen. Ein toter Ort. Hier gibt es keine Spatzen, noch nicht einmal Fliegen oder Spinnen. Man kann sich nirgendwo unterstellen. Um einen Bus zu bekommen, muss man über eine riesige provisorische Brücke klettern und in einem Parkhaus herumirren. Andere verlorene Seelen rennen an einem vorüber und fixieren mit ihren Augen ferne Ziele außerhalb der staubigen Hallen. Niemand unterhält sich. Hier gibt es keine Sitze. 
Bahnhöfe sind ja im Allgemeinen nicht als Brutstätten der Behaglichkeit verschrien, aber Gießen schlägt dem Faß den Boden aus. So etwas Häßliches habe ich in dieser Größenordnung noch nie gesehen. Sogar der Bahnhofsvorplatz wurde in aller Konsequenz in Form einer abweisenden Umarmung an das abstoßende Schienengeschwulst herangeklotzt.
Hinter dem Keilbahnhof, direkt neben den Bushaltestellen, erstreckt sich eine große Wiese, die jedoch durch einen steilen Abgrund von der faden Realität der Nutzbarkeit getrennt wird. Auf dem Rückweg durch das Parkhaus fixiere ich zwei Mülltonnen, die neben einem Abstellgleis überquellen. Nur am Gießener Bahnhof kann man den Schmerz der Einsamen fühlen, deren Ziel am Ende der kahlen Gleise verblasst.
[Foto: http://www.flickr.com/photos/fabi_k]